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Reisebericht: von Lindau an die Riviera mit dem Fahrrad

Wie auch schon im vergangenen Jahr, haben ein Freund und ich die Semesterferien genutzt, die Räder gesattelt und uns zu eine kleinen Alpenüberquerung aufgemacht. Während es 2009 noch von Lindau aus an den Gardasee ging, sollte unser diesjähriges Ziel die italienische Riviera sein. Geplant war die ca. 550 km lange Strecke in fünf Etappen, plus je einem Tag zur Ruhepause und zu Heimfahrt. Außerdem hatten wir einen letzten Tag als Puffer geplant, den wir letzten Endes auch gut gebrauchen konnten, aber noch einmal von Anfang an:

Tag 1: Lindau – Chur (~ 110 km)

Ähnlich wie bei unserer ersten Alpentour, startetet wir in Lindau am Bodensee. Von dort aus führte uns die Route ohne große Steigungen immer am Rhein entlang. Mal auf dem Teils gut ausgebauten Radweg auf dem Flussdamm, mal durch verschiedene Dörfer und kleinere Städte. Wir fuhren an Bregenz vorbei, durch das Bankenparadies Liechtenstein, bis runter nach Chur. Nach ca. 110 km hatten wir unsere Ziel erreicht und bei idealem Wetter ein leichtes Spiel auf der ersten Etappe gehabt. Gezeltet wurde – wie auch in den folgenden Tagen – “wild”, direkt am Wegrand.

Tag 2: Chur – Andeer (~ 50 km)

Nach dem ersten Tag und dem sehr gelungen Einstieg, erwischte uns an diesem Morgen das schlechte Wetter. Schon um ca. 12 Uhr in der vorherigen Nacht hatte es angefangen wie aus Eimern zu schütten und es sah auch nach wenig Besserung aus. Doch was sollten wir machen, es musste weitergehen.

Wir fuhren von Chur aus zuerst weiter, direkt am Rhein entlang. Die Strecke führte uns weitgehend flach über Ems bis nach Thusis, wo jedoch erst einmal Schluss war.

Zwar waren wir auf den ein oder anderen Regenschauer eingestellt, aber der Dauerregen seit den frühen Morgenstunden war auch für die beste Regenkleidung zu viel. Wir trockneten notdürftig unsere Kleidung an einem Handtrockner, kauften in einem Vögele-Laden trockene Pullover und sprachen mit ein paar Einheimischen. Diese gaben uns den Tipp noch einige Kilometer bis hinter die sogenannte Via Mala zu fahren und dort kurz vor Andeer zu campen. Gesagt getan.

Wir packten uns in Mülltüten ein und machten uns von Thusis über einen ersten Anstieg auf zu Via Mala Schlucht. Diese war auch zügig durchquert und wir schlugen unser Zelt wie uns geraten wurde kurz vor Andeer auf.

Wir hatten mit nur rund 50 km das Tagesziel weit verfehlt, denn eigentlich hätte es an diesem Tag bis über den Splügen-Pass gehen sollen. Nun zelteten wir also kurz vor Andeer und damit kurz vor Splügen. Wir wollten den Pass am kommenden Morgen fahren.

Tag 3: Andeer – Como-See (~ 70 km)

Als wir an diesem Morgen aufstanden, ahnten wir nichts gutes: es hatte die ganze Nacht weiter geregent und in den Bergen hingen dicke und dunkle Wolken fest. Wir hingen mit ihnen ebenfalls fest. Alles was wir noch an trockener Kleidung hatten, trugen wir am Körper und wir wussten, das es eigentlich nicht lange weitergehen könnte. Auch eine Hilfe suchende SMS nach Deutschland brachte uns keine Erleichterung. Die Antwort war eindeutig gewesen, heute Regen, morgen Regen und so weiter.

Die Stimmung ging gegen Null.

Gegen Mittag entschieden wir uns dann doch weiter zu fahren, mehr als scheitern und uns einen Schnupfen hohlen konnten wir schließlich nicht. Von Andeer aus waren wir in wenigen Minuten in Chur, wo wir ein letztes mal vor dem Pass kurz hielten. Bereits kurz nach dem Ortsausgang begann dann der Anstieg. Zahlreiche Serpentinen schlängelten sich den Berg hoch und führten und auf eine kleine Straße, die einige Kilometer gerade aus führte, mit einer stetigen Steigung. Nach einigen Kilometern Anstieg folgten dann abermals Serpentinen. Geradezu endlos schlängelten sich die Wege den Pass hoch, mal links mal rechts und durchweg ein Fall für den zweiten oder ersten Gang. Einige Autos überquerten mit uns den Pass, fuhren aber überwiegend sehr langsam, so dass die Fahrt eigentlich ganz angenehm war. der Naheliegende San Bernadino Pass ist wohl eine populärere Autoroute.

Je höher wir kamen, desto schlechter und vor allem kälter wurde auch das Wetter. Zwar hatte es aufgehört zu Regnen, aber es pfiff ein eisiger Wind und – es lag Schnee. Bei geschätzten maximalen 5°, lag oben auf dem Berg noch vereinzelt ein Flecken Schnee. Wir waren beeindruckt. Ende Juli hätten wir das auf “nur” 2100 Metern noch nicht erwartet.

Oben angekommen wärmten wir uns in einer kleine Gaststätte auf und ließen uns sagen, dass es auf der italienischen Südseite wohlige 30° haben sollte. Nach zwei Tagen Regen und 5° Celsius glaubten wir der Wirtin kein Wort. Wir zogen alles an was wir noch hatten, Pullover, T-Shirts, Jacken und Müllsäcke (!) und machten uns an die Abfahrt.

Die Abfahrt vom Splügen-Pass ließ keine Wünsche offen. Ab dem Gipfelstein und dem alten Zollhaus, welches die Grenze zu Italien markierte, ging es nur noch abwärts. Die Bremsen war zwar hart gefordert, aber die Abfahrt war wirklich eines der Highlights. Vor allem aber hatte die Wirtin des Gipfelrestaurants Recht: es wurde mit jedem Höhenmeter wärmer. Zuerst zogen wir eine Jacke aus, dann irgendwann einen Pullover und schließlich kamen wir im T-Shirt unten im Tal an. Kein Regen, keine Wolken. Die Südseite der Alpen bietete typisch italienisches Wetter.

Tag 4: Como-See – “vor” Mailand (~ 85 km)

An diesem Tag warteten noch einmal einige letzte Anstiege auf uns. Wir fuhren bei besten Wetter weiter am Como-See entlang, nahmen schließlich eine Fähre um den See zu überqueren und machten und dann daran aus dem Bergkessel heraus zu fahren. Hinter den letzten Bergen, welche den See einrahmen, wartetet dementsprechend noch eine kleine Abfahrt auf uns. Danach wurde die Kulisse um uns herum schnell flacher. Wir ließen die Alpen schnell hinter uns und bewegten uns auf einem Radweg neben der Autobahn zügig in Richtung Mailand.

Etwa 20 km vor der Stadt schlugen wir unser Nachtlage auf. Die Peripherie der Stadt hatte dort schon lange begonnen.

Tag 5: “vor” Mailand – Voghera (~ 120 km)

Wir machten uns an diesem Morgen auf Mailand zu durchqueren und rechneten mit dem Schlimmsten. Italienischer Verkehr, Roller, Autos und weitestgehende Planlosigkeit. Dementsprechend fuhren wir einfach drauf los, wir hätten die Stadt wohl kaum verfehlen können. In Mailand selbst orientierten wir uns überwiegend an Straßenschildern und fragten ab und zu einen Einheimischen. Ohne Stadtplan oder Ortskenntnisse erreichten wir so schließlich das Zentrum von Mailand. Die Fahrt in die Stadt hatte zwar einige Zeit gedauert und hatte einige Nerven gekostet, ging aber weitestgehend problemlos. Wir waren verblüfft.

Noch wesentlich einfach gestaltete sich die Fahrt hinaus aus der Stadt. Wieder starteten wir ohne großen Plan und fuhren schlicht in die Richtung die wir für die richtige hielten – und siehe da: wir waren nach kaum 30 min auf einer ordentlichen Landstraße in Richtung Pavia.

Insgesamt konnten wir an diesem Tag ordentlich Kilometer fressen. Die Straßen waren flach, wir waren früh gestartet und die Durchfahrt durch Mailand lief erstaunlich gut. Wir wussten, dass es ab jetzt leichter werden würde.

Tag 6: Voghera – Genua (~ 95 km)

An unserem letzten Tag erwarteten uns noch einmal knapp 100 km, bis endlich das ersehnte Ziel erreicht sein sollte. Die Route führte uns dabei meist auf Bundesstraßen entlang und war so eine unserer schnellsten. Die Straßen waren gut ausgebaut, breit und meist mit einem ca. 1 m großen Standstreifen versehen, den wir als Radfahrer gut gebrauchen konnten. So war die letzte Etappe, trotz des Verkehrs und der etwas staubigen Gegend doch ganz angenehm. Sicherlich gab uns auch das naheliegende Ziel noch einmal den letzten Antrieb.

Kurz vor Genua erwartete uns dann der wirklich letzte Anstieg der Tour, denn die Stadt selbst liegt direkt am Berg. Ist man jedoch oben erst einmal angekommen, so kann man sich gut und gerne 15 km bis ans Meer und in das Stadtzentrum rollen lassen. Zwar ist auch in Genua der italienische Verkehr  nicht zu unterschätzen, aber wir fanden uns doch gut zurecht. Nach dem wir um ca. 14 Uhr in Genua ankamen, konnten wir gegen 17 Uhr schon unser Zelt auf dem einzigen Camping-Platz der Stadt aufschlagen. Das sollten unsere einzigen zwei Nächte werden, in denen wir nicht direkt am Wegessrand schliefen.

Tag 7: Ruhetag

Getreu der Bibel gönnten wir uns am siebten Tag etwas Ruhe, auch wenn es ein Mittwoch war. Wir schauten uns die Stadt an, fuhren durch den Hafen und kauften Souvenirs. Ein guter Abschluss. Außerdem planten wir unsere Rückfahrt und kauften Tickets für den folgenden Tag – was sich später noch als Fehler herrausstellen sollte.

Tag 8: Rückreise im Zug

Der Plan sah vor, dass wir um 11.40 am Bahnhof in Genua starteten, um ca. 18 Uhr in Zürich sein sollten und gegen 20.30 Uhr schließlich zurück in unserer Heimatstadt Tuttlingen. Die Tickets hatten wir bereits am Vortag gekauft, was rund 100 € pro Person gekostet hat und saßen so nun im Zug nach Mailand. Dort angekommen, gab es die erste Panik: wir durften nicht mitfahren. Der IC der uns von Mailand nach Zurück bringen sollte, gestattete keine Fahrradmitnahme, obwohl wir gültige Tickets hatten und explizit am Vortag noch auf unsere Räder hingewiesenen hatten (für diese hatten wir im Übrigen ebenfalls Tickets). So saßen wir nun da, um kurz vor halb vier am Nachmittag und wir sahen unsere Chancen schwinden noch an diesem Tag in Deutschland einzutreffen.

Am Bahnschalter wurde uns dann erklärt wir sollen einfach nach Chiasso fahren, das wäre die Schweizer Grenze und ab dort könnten wir auch im IC wieder unsere Fahrräder transportieren. Die einzigen Mehrkosten die wir hätten, wäre ein Ticket für jeweils 4 € nach Chiasso für die Fahrräder. Gesagt getan. Aber als hätten wir es nicht besser wissen können: nein, auch in der Schweiz wird kein Fahrrad je das innere eines ICs sehen. Wir konnten ebenfalls nicht weiterfahren. Statt dessen wurde uns erklärt, dass man unsere Tickets nicht umtauschen könnte, sie seien schließlich in Italien gekauft und dass wir abermals je 15 € für die Mitnahme unserer Fahrräder im “Bummelzug” bezahlen müssten. Doch mit diesem kamen wir wenigstens noch nach Zürich. VOn dort aus konnten wir jedoch nur noch bis Singen fahren, dann war um 23 Uhr Nachts Schluss. Wir ließen uns schließlich von dort mit dem Auto abholen.

Fazit: Die Tour war insgesamt sehr empfehlenswert und hatte im großen und ganzen auch gut geklappt. Zwar mussten wir am letzten Tag noch etwas Geld und vor allem Nerven draufzahlen, aber mit etwa 130 € für eine Zugfahrt pro Mann und Rad konnten wir auch noch leben. Für Camping gaben wir auch nur rund 50 € zusammen aus und hatten so sehr günstig 8 Tage Urlaub (wenn man das so nennen will) hinter uns. Die Strecke war meist angenehm zu fahren und auch der ausgesuchte Pass war ein großes Highlight. Lediglich auf dem Weg an die Riviera, hätten wir uns weniger Straßen und mehr Radwege gewünscht.

Anbei sei hier noch unser Kartenmaterial und einige Links angefügt, ich hoffe es hilft bei Interesse weiter.

http://www.fahrrad-tour.de/Alpen/Bernhardino/ueb_bernardino.htm

http://www.camping.it/germany/liguria/villadoria/

Karten.zip (beinhaltet unsere erste Version über den San Bernardion Pass, sowie die endgültige über den Splügen-Pass)

Beste Grüße, Thomas Uhrig.